Museum Biberach / Atelierhaus Jakob Bräckle
06.09. – 21.09.2025
curator: Judith Bihr

installation view Atelierhaus Jakob Bräckle
"Ast", 2025 und "Interieurs", 2016
Textauszug aus dem Ausstellungskatalog
JB: Deine Ausstellung »Auf freiem Feld« ist eine poetische Intervention in das Atelierhaus von Jakob Bräckle. Was bedeutet dieser besondere Ort in Winterreute für dich?
AS: Das Haus ist auf den ersten Blick unscheinbar - ein einfaches, kleines Gebäude, das sich kaum von den Bauten seiner Zeit unterscheidet. Keine dekorativen Details, kein gestalterischer Ehrgeiz. Das Haus will nichts Besonderes sein und gerade diese Zurückhaltung berührt mich. Nur eine Sache fällt etwas auf. Das Atelierhaus steht am äußersten Rand des Grundstücks, zum freien Feld hin. Das ist die einzige Verschiebung zum Gewohnten. Solche kleinen Abweichungen interessieren mich, auch in Bezug auf meine eigene Arbeit.
JB: In deiner Arbeit verwandelst du den Schuppen, den Jakob Bräckle 1938 baute, in eine Camera obscura. Wie kam es zu dieser Idee?
AS: Da muss ich kurz ausholen, weil es auch mit der Geschichte des Ortes zusammenhängt. Jakob Bräckle baute den Holzschuppen 1938, als er bereits in Biberach wohnte. Da er aber weiterhin in Winterreute und Umgebung im Freien malte, brauchte er einen festen Ort, wo er seine Malutensilien unterbringen und sich bei schlechtem Wetter aufhalten und auch unter der Woche übernachten konnte. Der kleine 6qm große Schuppen wurde aber schnell zu klein und Bräckle baute 1939 das größere Atelierhaus. (Abb. Rohbau Atelierhaus) So gewöhnlich und im positiven Sinne konventionell die beiden Ateliergebäude sind, fällt doch, wie gesagt, die Lage am äußersten Ende des Grundstücks auf. Und beide Gebäude besitzen Wandöffnungen in alle vier Himmelsrichtungen. Also die Beziehung zwischen dem Gebäude und dem Blick in die freien Felder, in Bräckles Motivwelt, waren für ihn wohl sehr wichtig. Das war für mich der erste Gedanke für die Idee der Camera Obscura, die ja auf eine technisch sehr einfache Art den Blick nach außen in das Gebäude wirft. Es ist ja auch nicht ausgeschlossen, dass Bräckle vielleicht bei schlechtem Wetter die Aussicht nach draußen direkt malte. Wir wissen es nicht, da Bräckle seinen Arbeitsort und damit auch sich selbst als Künstler meines Wissens nach nie direkt gemalt hat. Interessant für mich bleibt aber noch ein zweiter Aspekt. Wenn man das Atelierhaus in Winterreute betrachtet, muss man an das Spätwerk Bräckles denken, an das Motiv des einzelnen, einfachen Hauses auf offenem Feld. (Abb. Gemälde aus dem Spätwerk) Das Atelierhaus wirkt auf mich wie eine Vorwegnahme vieler seiner späten Bilder. Aus heutiger Sicht wirkt es fast wie ein Manifest. Bräckle hat es sicher nicht in dieser Absicht gebaut, aber er hat es eben doch gebaut und im Bau waren vielleicht schon die gleichen ästhetischen und inhaltlichen Impulse am Werk, die später in seinen Bildern auch eine Rolle gespielt haben. Man könnte es vielleicht ein retroaktives Manifest nennen, eines das erst rückblickend als ein solches erscheint.
Eine der Camer Obscura- Abbildungen zeigt daher dieses ikonische Motiv, das schlichte Haus im freien Feld. Die beiden anderen zeigen, in abstrahierter Form durch eine Schlitz-Camera-Obscura, die Farben und das sich veränderte Licht, die ja ebenfalls wesentliche Aspekte für Bräckle waren. Das war jetzt eine etwas lange Antwort - Bräckle hätte vielleicht gesagt, man soll sich die Arbeiten einfach anschauen...
JB: Im Atelierhaus sind zwei Werkserien von dir zu sehen: »Drei Äste« und »Interieur«. Die minimalistischen Holzskulpturen bestehen aus Ästen, die du in der näheren Umgebung des Atelierhauses gefunden hast. Statt neues Material zu verwenden, arbeitest du mit dem, was schon da ist. Was bedeutet Materialität im künstlerischen Prozess für dich?
AS: Ja, ich arbeite sehr gern mit gefunden Materialien und besonders gern mit Naturmaterialien. Es ist schon so viel neues Material in der Welt und ich habe überhaupt nicht das Bedürfnis, noch mehr zu produzieren. In der Installation kommen zwei der Äste von dem nahen Waldrand, wenn man vom Atelierhaus den Feldweg Richtung Süden nimmt. Der eine ist von einem Faulbaum (Abb Fundort Faulbaum), der andere war ein abgebrochener Ast einer Hainbuche (Abb Fundort Hainbuche). Das Holz des dritten Asts stammt von einem Spitzahorn aus dem Park von Schloss Fachsenfeld bei Aalen (Abb Fundort Spitzahorn). Der Ast war dort im letzten Jahr ausgestellt, allerdings in einer anderen Anordnung und Länge. Das Material einer Kette besteht immer aus einem einzelnen Ast. Die Anordnung ist dabei variabel und wenn ich nicht alle Segmente verwende, kann ich auch die Länge der Arbeit verändern und an die Größe des Raumes anpassen.
Oft liefert mir das Material oder einzelne Eigenschaften davon bereits die Ideen für meine Arbeiten. In dem Fall der Äste war es die Verjüngung des Astes. In jedem Ast, in jedem Grashalm, in fast allen Pflanzen existiert durch das Wachstum diese gleichmäßige Verjüngung. Der Ast verjüngt sich aber nicht nur im Durchmesser, sondern auch im wörtlichen Sinne. Wenn ich dann den Ast in Segmente zerteile, hat jedes Segment einen etwas anderen Durchmesser und auch ein anderes Alter. Nachdem die Segmente gelocht sind, fädele ich sie auf einen Garn auf und stelle dabei eigene Anordnungen in geometrischer und rhythmischer Hinsicht her. Wenn ich mit anderen Materialien arbeite, sind es wieder andere Eigenschaften, die mich interessieren. Oft sind es spontane, spielerische Ideen, auf die mich Materialien bringen. So war es zuerst auch bei der Serie der Äste.
JB: Für Dich spielen auch ökologische Überlegungen eine wichtige Rolle. Kannst Du dazu etwas sagen?
AS: In jedem Fall. Mich interessiert der gesamte materielle Prozess, der ganze Zyklus einer Arbeit. Wenn ich zum Beispiel eine Arbeit aus einem ökologischen Material herstelle, für dessen Verarbeitung, Transport, Verpackung oder spätere Lagerung ich viele Ressourcen verbrauche, dann ist von der ökologischen Qualität der Arbeit nicht mehr viel übrig. Das gehört am Ende untrennbar zur Materialität der Arbeit dazu. Ein ökologisch hoher Ressourcenverbrauch belastet eine Arbeit für mich sehr und ein niedriger macht sie auf eine Art leicht und stimmig. Es macht für mich oft erst die Schönheit von einem Konzept oder einer Arbeitsweise aus. Ich will nicht behaupten, dass mir das immer gelingt. Und eigentlich hat es erstmal auch gar nicht viel mit Kunst zu tun, sondern steht vor oder über der Kunst und betrifft unser Handeln ganz allgemein. Aber das spielt für mich in jedem Fall eine untrennbare Rolle in meinem Verständnis von Material.
JB: Das Atelierhaus von Jakob Bräckle ist nicht der erste Ort, mit dem du dich künstlerisch auseinandergesetzt hast. Was ist deine Herangehensweise für diese ortspezifischen Installationen?
AS: Wenn ich in einen Raum gehe, in dem ich arbeite oder ausstelle, ist er für mich nicht leer und ich habe oft zunächst nicht das Bedürfnis, ihn mit etwas zu füllen. Ich finde es interessanter, erstmal zu sehen, was da ist, die Atmosphäre, das sich verändernde Licht, die Geschichte des Ortes, seine Nutzungsspuren, die soziale Funktion, die vielen Dinge und Materialien ... Jeder Raum ist reich auf seine Art. Ich versuche den Ort kennenzulernen, zu beobachten, wahrzunehmen. Manchmal rufe ich im übertragenen Sinne auch in ihn hinein und lausche auf sein Echo. Es ist ein Dialog mit dem Raum, aus dem heraus die Arbeit entsteht.
Die Ideen für die Interventionen kommen oft spontan, machmal dauert es aber auch eine Weile oder es kann auch sein, dass gar nichts passiert. Dann ist vielleicht besser, man macht auch nichts. Das ist oft eine Schwierigkeit bei der ortsbezogenen Arbeitsweise - und einer der Gründe, warum ich angefangen habe zu malen. Es kann auch eine Aufgabe werden, die man in dem Moment vielleicht gar nicht ausführen will. Es ist dann schön, auch auch eine Praxis zu haben, die von Räumen unabhängiger ist.
JB: Wie sah denn dieser Dialog konkret mit dem Atelierhaus aus?
AS: Bei dem Atelierhaus war eine gewisse Schwierigkeit, dass der Ort so stark aufgeladen ist und für mich eine Verdichtung der Kunst und vermutlich auch der Person Bräckles ist. Es ist kein Raum, den ich einfach so mit etwas Fremdem bespielen kann. Ich staune eher, wenn ich ihn betrachte... Das trifft auch zu für die vor Ort vorhandenen Arbeiten von Wolfang Laib, die sich selbst sehr sensibel auf den Ort beziehen und die ich gleichermaßen schätze und die eine weitere Vorgabe darstellen. Außerdem gibt es persönliche Erlebnisse, z.B. war ich 2014 das erste Mal in dem Atelierhaus mit Gudrun Martin, der Tochter von Josef Bräckle, die mir das Haus zeigte und unter anderem erzählte, wie sie in den vergangenen vielen Jahren immer nach Winterreute fuhr, um das leerstehende Haus zu "lüften". Dieser Besuch hat mich sehr berührt. Und dann komme ich selbst aus Biberach und die Bilder von Bräckle gehörten - in erster Linie als Kalenderblätter und Postkarten - gewissermaßen zum kulturellen Inventar meiner Kindheit und haben auch mein Bild der oberschwäbischen Landschaft, der Landschaft meiner Kindheit, geprägt. Überhaupt spielt Nostalgie und ein romantisches oder auch reales Bedürfnis nach künstlerischer Arbeit abseits der Stadt eine Rolle in meiner Beschäftigung mit diesem Ort. Auf der anderen Seite gibt es dann das Störgeräusch, dass die Zeit Bräckles in dem Atelierhaus im Wesentlichen die Kriegsjahre waren. Also viele unterschiedliche Aspekte... Es ist aber nicht so, dass ich mir im Kopf analytisch überlege, wie ich das alles unter einen Hut bekomme, das würde gar nicht gehen, sondern ich spiele frei mit Ideen, oder ich nehme auch ältere Arbeiten dazu und mit der Zeit kristallisiert sich ein Entwurf heraus, von dem ich hoffe, dass die Arbeiten und der Ort mit allen seinen Eigenheiten einen gemeinsamen Klang ergeben. Genauer kann ich es gar nicht beschreiben.
JB: Die präsentierten Gemälde zeigen dein Atelier in Berlin und führen quasi eine Dopplung vor: Bilder eines Ateliers ausgestellt in einem Atelier. Möchtest du das näher erläutern?
AS: Ich habe 2014 nach fast 25 Jahren räumlichem und skulpturalem Arbeiten angefangen zu malen. Die ersten Bilder waren tatsächlich eine kleine Anzahl von Kopien von Bräckle-Gemälden - das hing auch mit einer Installation in der Villa Rot im gleichen Jahr zusammen, wo ich mich bereits mit dem Atelierhaus beschäftigt und eine der Kopien ausgestellt habe. Aber ich habe auch Bilder von anderen Künstlern kopiert und als nächstes habe ich angefangen ein naheliegendes Motiv zu malen, nämlich meinen Atelierraum. Der Raum war aber als Motiv schwer zu fassen ist, weil ich ja selbst in ihm war. Daher habe ich aus Pappe ein Modell meines Ateliers gebaut, eigentlich sind es mehrere angrenzende, kleinere Räume. Und diese Modelle habe ich dann abgemalt, so hat die Serie der "Interieurs" begonnen. Sie sehen oft aus wie Bühnen, auf denen etwas passiert oder passiert ist, was man selbst aber nicht sieht. Dieses Potential strahlt für mich auch das Atelierhaus von Bräckle aus, hier nicht als Bühne, aber doch als Ort an dem Kunst entstanden ist und jetzt wieder entsteht und deshalb habe ich die Bilder ausgewählt. Gleichzeitig zeigt die Gegenüberstellung einen Unterschied: Meine Bilder sind meistens geschlossene Interieurs, der Blick geht nach innen. Bei Bräckles Atelier ist der Blick nach draußen wichtig. Dennoch hat Bräckle auch diese stille und introvertierte Seite und er hat diesen beeindruckenden beobachtenden Blick, den ich ebenfalls suche.
JB: Und zum Schluss: Gibt es ein Werk von Jakob Bräckle, das dich am meisten beeindruckt hat?
AS: Eines der Bilder von Bräckle, die ich damals kopiert habe, war das "Schneefeld" von 1942 (Abb. Schneefeld). Es besteht eigentlich nur aus einem grauen Himmel und einem verschneiten Feld mit einem matschigen Weg hin zu einem Misthaufen und einem kleinen, präzise an die richtige Stelle des Formats platzierten Pfosten. Schön ist, wie sich die pastose Farbe im Vordergrund mit dem Dreck des Weges verbindet und wie die Pinselspuren gleichsam zu Fußstapfen im Schnee werden. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt, den ich vorhin als Störgeräusch bezeichnet habe. Das stille Winterbild wurde mitten im Krieg gemalt. Zur gleichen Zeit, ebenso in eisiger Kälte, fand die Schlacht um Stalingrad statt. Die ganzen Jahre, in denen Bräckle in dem Atelierhaus gearbeitet hat, fallen im Grunde in die Kriegszeit, einschließlich der unmittelbaren Jahre danach und das hat natürlich auch für Bräckle die Zeit dort mitbestimmt. Über sein Verhältnis zum Dritten Reich gibt es gute Texte, z.B. von Uwe Degreif. Bräckle musste nicht in die Wehrmacht, weil er seit seiner Kindheit eine Gehbehinderung hatte und seine Bilder waren schlicht zu klein für eine größere Karriere im Dritten Reich. Die Zeit lässt sich nicht ausklammern. Und dennoch - wenn man das kleine Gemälde betrachtet, seine Bescheidenheit und Stille, sein zurückgenommener Charakter, das nüchterne, nicht romantisierende Motiv, dann finde ich es einfach ein wunderbares Bild - und vielleicht kann man sogar sagen, dass es dem zeitgleichen Grauen sogar eine Haltung entgegensetzt, die ein anderes Menschsein zeigt, das besonders in so einer Zeit und auch in unserer wertvoll sein kann.
Museum Biberach / Atelierhaus Jakob Bräckle
06.09. – 21.09.2025
curator: Judith Bihr

installation view Atelierhaus Jakob Bräckle
"Ast", 2025 und "Interieurs", 2016
Textauszug aus dem Ausstellungskatalog
JB: Deine Ausstellung »Auf freiem Feld« ist eine poetische Intervention in das Atelierhaus von Jakob Bräckle. Was bedeutet dieser besondere Ort in Winterreute für dich?
AS: Das Haus ist auf den ersten Blick unscheinbar - ein einfaches, kleines Gebäude, das sich kaum von den Bauten seiner Zeit unterscheidet. Keine dekorativen Details, kein gestalterischer Ehrgeiz. Das Haus will nichts Besonderes sein und gerade diese Zurückhaltung berührt mich. Nur eine Sache fällt etwas auf. Das Atelierhaus steht am äußersten Rand des Grundstücks, zum freien Feld hin. Das ist die einzige Verschiebung zum Gewohnten. Solche kleinen Abweichungen interessieren mich, auch in Bezug auf meine eigene Arbeit.
JB: In deiner Arbeit verwandelst du den Schuppen, den Jakob Bräckle 1938 baute, in eine Camera obscura. Wie kam es zu dieser Idee?
AS: Da muss ich kurz ausholen, weil es auch mit der Geschichte des Ortes zusammenhängt. Jakob Bräckle baute den Holzschuppen 1938, als er bereits in Biberach wohnte. Da er aber weiterhin in Winterreute und Umgebung im Freien malte, brauchte er einen festen Ort, wo er seine Malutensilien unterbringen und sich bei schlechtem Wetter aufhalten und auch unter der Woche übernachten konnte. Der kleine 6qm große Schuppen wurde aber schnell zu klein und Bräckle baute 1939 das größere Atelierhaus. (Abb. Rohbau Atelierhaus) So gewöhnlich und im positiven Sinne konventionell die beiden Ateliergebäude sind, fällt doch, wie gesagt, die Lage am äußersten Ende des Grundstücks auf. Und beide Gebäude besitzen Wandöffnungen in alle vier Himmelsrichtungen. Also die Beziehung zwischen dem Gebäude und dem Blick in die freien Felder, in Bräckles Motivwelt, waren für ihn wohl sehr wichtig. Das war für mich der erste Gedanke für die Idee der Camera Obscura, die ja auf eine technisch sehr einfache Art den Blick nach außen in das Gebäude wirft. Es ist ja auch nicht ausgeschlossen, dass Bräckle vielleicht bei schlechtem Wetter die Aussicht nach draußen direkt malte. Wir wissen es nicht, da Bräckle seinen Arbeitsort und damit auch sich selbst als Künstler meines Wissens nach nie direkt gemalt hat. Interessant für mich bleibt aber noch ein zweiter Aspekt. Wenn man das Atelierhaus in Winterreute betrachtet, muss man an das Spätwerk Bräckles denken, an das Motiv des einzelnen, einfachen Hauses auf offenem Feld. (Abb. Gemälde aus dem Spätwerk) Das Atelierhaus wirkt auf mich wie eine Vorwegnahme vieler seiner späten Bilder. Aus heutiger Sicht wirkt es fast wie ein Manifest. Bräckle hat es sicher nicht in dieser Absicht gebaut, aber er hat es eben doch gebaut und im Bau waren vielleicht schon die gleichen ästhetischen und inhaltlichen Impulse am Werk, die später in seinen Bildern auch eine Rolle gespielt haben. Man könnte es vielleicht ein retroaktives Manifest nennen, eines das erst rückblickend als ein solches erscheint.
Eine der Camer Obscura- Abbildungen zeigt daher dieses ikonische Motiv, das schlichte Haus im freien Feld. Die beiden anderen zeigen, in abstrahierter Form durch eine Schlitz-Camera-Obscura, die Farben und das sich veränderte Licht, die ja ebenfalls wesentliche Aspekte für Bräckle waren. Das war jetzt eine etwas lange Antwort - Bräckle hätte vielleicht gesagt, man soll sich die Arbeiten einfach anschauen...
JB: Im Atelierhaus sind zwei Werkserien von dir zu sehen: »Drei Äste« und »Interieur«. Die minimalistischen Holzskulpturen bestehen aus Ästen, die du in der näheren Umgebung des Atelierhauses gefunden hast. Statt neues Material zu verwenden, arbeitest du mit dem, was schon da ist. Was bedeutet Materialität im künstlerischen Prozess für dich?
AS: Ja, ich arbeite sehr gern mit gefunden Materialien und besonders gern mit Naturmaterialien. Es ist schon so viel neues Material in der Welt und ich habe überhaupt nicht das Bedürfnis, noch mehr zu produzieren. In der Installation kommen zwei der Äste von dem nahen Waldrand, wenn man vom Atelierhaus den Feldweg Richtung Süden nimmt. Der eine ist von einem Faulbaum (Abb Fundort Faulbaum), der andere war ein abgebrochener Ast einer Hainbuche (Abb Fundort Hainbuche). Das Holz des dritten Asts stammt von einem Spitzahorn aus dem Park von Schloss Fachsenfeld bei Aalen (Abb Fundort Spitzahorn). Der Ast war dort im letzten Jahr ausgestellt, allerdings in einer anderen Anordnung und Länge. Das Material einer Kette besteht immer aus einem einzelnen Ast. Die Anordnung ist dabei variabel und wenn ich nicht alle Segmente verwende, kann ich auch die Länge der Arbeit verändern und an die Größe des Raumes anpassen.
Oft liefert mir das Material oder einzelne Eigenschaften davon bereits die Ideen für meine Arbeiten. In dem Fall der Äste war es die Verjüngung des Astes. In jedem Ast, in jedem Grashalm, in fast allen Pflanzen existiert durch das Wachstum diese gleichmäßige Verjüngung. Der Ast verjüngt sich aber nicht nur im Durchmesser, sondern auch im wörtlichen Sinne. Wenn ich dann den Ast in Segmente zerteile, hat jedes Segment einen etwas anderen Durchmesser und auch ein anderes Alter. Nachdem die Segmente gelocht sind, fädele ich sie auf einen Garn auf und stelle dabei eigene Anordnungen in geometrischer und rhythmischer Hinsicht her. Wenn ich mit anderen Materialien arbeite, sind es wieder andere Eigenschaften, die mich interessieren. Oft sind es spontane, spielerische Ideen, auf die mich Materialien bringen. So war es zuerst auch bei der Serie der Äste.
JB: Für Dich spielen auch ökologische Überlegungen eine wichtige Rolle. Kannst Du dazu etwas sagen?
AS: In jedem Fall. Mich interessiert der gesamte materielle Prozess, der ganze Zyklus einer Arbeit. Wenn ich zum Beispiel eine Arbeit aus einem ökologischen Material herstelle, für dessen Verarbeitung, Transport, Verpackung oder spätere Lagerung ich viele Ressourcen verbrauche, dann ist von der ökologischen Qualität der Arbeit nicht mehr viel übrig. Das gehört am Ende untrennbar zur Materialität der Arbeit dazu. Ein ökologisch hoher Ressourcenverbrauch belastet eine Arbeit für mich sehr und ein niedriger macht sie auf eine Art leicht und stimmig. Es macht für mich oft erst die Schönheit von einem Konzept oder einer Arbeitsweise aus. Ich will nicht behaupten, dass mir das immer gelingt. Und eigentlich hat es erstmal auch gar nicht viel mit Kunst zu tun, sondern steht vor oder über der Kunst und betrifft unser Handeln ganz allgemein. Aber das spielt für mich in jedem Fall eine untrennbare Rolle in meinem Verständnis von Material.
JB: Das Atelierhaus von Jakob Bräckle ist nicht der erste Ort, mit dem du dich künstlerisch auseinandergesetzt hast. Was ist deine Herangehensweise für diese ortspezifischen Installationen?
AS: Wenn ich in einen Raum gehe, in dem ich arbeite oder ausstelle, ist er für mich nicht leer und ich habe oft zunächst nicht das Bedürfnis, ihn mit etwas zu füllen. Ich finde es interessanter, erstmal zu sehen, was da ist, die Atmosphäre, das sich verändernde Licht, die Geschichte des Ortes, seine Nutzungsspuren, die soziale Funktion, die vielen Dinge und Materialien ... Jeder Raum ist reich auf seine Art. Ich versuche den Ort kennenzulernen, zu beobachten, wahrzunehmen. Manchmal rufe ich im übertragenen Sinne auch in ihn hinein und lausche auf sein Echo. Es ist ein Dialog mit dem Raum, aus dem heraus die Arbeit entsteht.
Die Ideen für die Interventionen kommen oft spontan, machmal dauert es aber auch eine Weile oder es kann auch sein, dass gar nichts passiert. Dann ist vielleicht besser, man macht auch nichts. Das ist oft eine Schwierigkeit bei der ortsbezogenen Arbeitsweise - und einer der Gründe, warum ich angefangen habe zu malen. Es kann auch eine Aufgabe werden, die man in dem Moment vielleicht gar nicht ausführen will. Es ist dann schön, auch auch eine Praxis zu haben, die von Räumen unabhängiger ist.
JB: Wie sah denn dieser Dialog konkret mit dem Atelierhaus aus?
AS: Bei dem Atelierhaus war eine gewisse Schwierigkeit, dass der Ort so stark aufgeladen ist und für mich eine Verdichtung der Kunst und vermutlich auch der Person Bräckles ist. Es ist kein Raum, den ich einfach so mit etwas Fremdem bespielen kann. Ich staune eher, wenn ich ihn betrachte... Das trifft auch zu für die vor Ort vorhandenen Arbeiten von Wolfang Laib, die sich selbst sehr sensibel auf den Ort beziehen und die ich gleichermaßen schätze und die eine weitere Vorgabe darstellen. Außerdem gibt es persönliche Erlebnisse, z.B. war ich 2014 das erste Mal in dem Atelierhaus mit Gudrun Martin, der Tochter von Josef Bräckle, die mir das Haus zeigte und unter anderem erzählte, wie sie in den vergangenen vielen Jahren immer nach Winterreute fuhr, um das leerstehende Haus zu "lüften". Dieser Besuch hat mich sehr berührt. Und dann komme ich selbst aus Biberach und die Bilder von Bräckle gehörten - in erster Linie als Kalenderblätter und Postkarten - gewissermaßen zum kulturellen Inventar meiner Kindheit und haben auch mein Bild der oberschwäbischen Landschaft, der Landschaft meiner Kindheit, geprägt. Überhaupt spielt Nostalgie und ein romantisches oder auch reales Bedürfnis nach künstlerischer Arbeit abseits der Stadt eine Rolle in meiner Beschäftigung mit diesem Ort. Auf der anderen Seite gibt es dann das Störgeräusch, dass die Zeit Bräckles in dem Atelierhaus im Wesentlichen die Kriegsjahre waren. Also viele unterschiedliche Aspekte... Es ist aber nicht so, dass ich mir im Kopf analytisch überlege, wie ich das alles unter einen Hut bekomme, das würde gar nicht gehen, sondern ich spiele frei mit Ideen, oder ich nehme auch ältere Arbeiten dazu und mit der Zeit kristallisiert sich ein Entwurf heraus, von dem ich hoffe, dass die Arbeiten und der Ort mit allen seinen Eigenheiten einen gemeinsamen Klang ergeben. Genauer kann ich es gar nicht beschreiben.
JB: Die präsentierten Gemälde zeigen dein Atelier in Berlin und führen quasi eine Dopplung vor: Bilder eines Ateliers ausgestellt in einem Atelier. Möchtest du das näher erläutern?
AS: Ich habe 2014 nach fast 25 Jahren räumlichem und skulpturalem Arbeiten angefangen zu malen. Die ersten Bilder waren tatsächlich eine kleine Anzahl von Kopien von Bräckle-Gemälden - das hing auch mit einer Installation in der Villa Rot im gleichen Jahr zusammen, wo ich mich bereits mit dem Atelierhaus beschäftigt und eine der Kopien ausgestellt habe. Aber ich habe auch Bilder von anderen Künstlern kopiert und als nächstes habe ich angefangen ein naheliegendes Motiv zu malen, nämlich meinen Atelierraum. Der Raum war aber als Motiv schwer zu fassen ist, weil ich ja selbst in ihm war. Daher habe ich aus Pappe ein Modell meines Ateliers gebaut, eigentlich sind es mehrere angrenzende, kleinere Räume. Und diese Modelle habe ich dann abgemalt, so hat die Serie der "Interieurs" begonnen. Sie sehen oft aus wie Bühnen, auf denen etwas passiert oder passiert ist, was man selbst aber nicht sieht. Dieses Potential strahlt für mich auch das Atelierhaus von Bräckle aus, hier nicht als Bühne, aber doch als Ort an dem Kunst entstanden ist und jetzt wieder entsteht und deshalb habe ich die Bilder ausgewählt. Gleichzeitig zeigt die Gegenüberstellung einen Unterschied: Meine Bilder sind meistens geschlossene Interieurs, der Blick geht nach innen. Bei Bräckles Atelier ist der Blick nach draußen wichtig. Dennoch hat Bräckle auch diese stille und introvertierte Seite und er hat diesen beeindruckenden beobachtenden Blick, den ich ebenfalls suche.
JB: Und zum Schluss: Gibt es ein Werk von Jakob Bräckle, das dich am meisten beeindruckt hat?
AS: Eines der Bilder von Bräckle, die ich damals kopiert habe, war das "Schneefeld" von 1942 (Abb. Schneefeld). Es besteht eigentlich nur aus einem grauen Himmel und einem verschneiten Feld mit einem matschigen Weg hin zu einem Misthaufen und einem kleinen, präzise an die richtige Stelle des Formats platzierten Pfosten. Schön ist, wie sich die pastose Farbe im Vordergrund mit dem Dreck des Weges verbindet und wie die Pinselspuren gleichsam zu Fußstapfen im Schnee werden. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt, den ich vorhin als Störgeräusch bezeichnet habe. Das stille Winterbild wurde mitten im Krieg gemalt. Zur gleichen Zeit, ebenso in eisiger Kälte, fand die Schlacht um Stalingrad statt. Die ganzen Jahre, in denen Bräckle in dem Atelierhaus gearbeitet hat, fallen im Grunde in die Kriegszeit, einschließlich der unmittelbaren Jahre danach und das hat natürlich auch für Bräckle die Zeit dort mitbestimmt. Über sein Verhältnis zum Dritten Reich gibt es gute Texte, z.B. von Uwe Degreif. Bräckle musste nicht in die Wehrmacht, weil er seit seiner Kindheit eine Gehbehinderung hatte und seine Bilder waren schlicht zu klein für eine größere Karriere im Dritten Reich. Die Zeit lässt sich nicht ausklammern. Und dennoch - wenn man das kleine Gemälde betrachtet, seine Bescheidenheit und Stille, sein zurückgenommener Charakter, das nüchterne, nicht romantisierende Motiv, dann finde ich es einfach ein wunderbares Bild - und vielleicht kann man sogar sagen, dass es dem zeitgleichen Grauen sogar eine Haltung entgegensetzt, die ein anderes Menschsein zeigt, das besonders in so einer Zeit und auch in unserer wertvoll sein kann.